Der Großtagebau Espenhain
                  Wir für unsere Kohle

Die Geschichte des Hits „Über sieben Brücken musst du geh´n“ beginnt in den 60iger Jahren im Leipziger Südraum

Ganz am Anfang stand ein Auftragswerk des FDGB

 

Nacherzählt von Werner Winkler

Wer kennt sie nicht die legendäre Rockballade „Über sieben Brücken musst du geh´n“. Millionenfach verkauft, in 30 Sprachen übersetzt und von mehr als 100 Interpreten gesungen. Ein wahrer Welthit, der immer wieder unter die Haut geht. Die Geschichte dieses Liedes begann in der 2. Hälfte der 60iger Jahre. Seine Entstehung ist eher zufällig, aber auch ein Zeugnis der politischen Verhältnisse. Nur noch sehr wenige kennen die Geschichte dieses Songs und noch weniger wissen, dass die Region, die wir heute Neuseenland oder Südraum von Leipzig nennen, dabei eine wichtige Rolle spielte. Doch der Reihe nach erzählt:

Eine vielbeachtete Reportage im Fadenkreuz der DDR-Oberen

1967 erhält der junge Schriftsteller Helmut Richter vom Bezirksvorstand Leipzig des FDGB den Auftrag, die Errichtung des Braunkohlenkraftwerkes Thierbach literarisch zu begleiten (s. Hintergrundinformation 1).Es entstehen mehrere Reportagen, die unter dem Titel „Schnee auf dem Schornstein“ 1969 in einem kleinen gelb-schwarzen Taschenbuch im Mitteldeutschen-Verlag mit einer Auflage von 5.000 Stück erscheinen. Der Verlag hatte die Veröffentlichung der Reportage als einen „Schwerpunkttitel“ zu Ehren des 20. Jahrestages der DDR geplant. Die Texte handeln von der Zusammenarbeit, dem Zusammenleben und den Problemen der polnischen, sowjetischen, ungarischen und deutschen Bauarbeiter auf der Großbaustelle. Aber auch von den Missständen und Schlampereien. Richters Protagonisten waren keine Fantasiefiguren. Sie haben tatsächlich auf der Baustelle gearbeitet und in den umliegenden Orten, wie Espenhain, gelebt.  Berichtet wurde schon damals von einer deutsch-polnischen Liebesbeziehung. Die Art und Weise, wie der junge Autor den Baustellenalltag und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten reflektiert, findet zunächst viel Beachtung und Anerkennung. Selbst der mit bis zu 15.000 Mark dotierte FDGB-Literaturpreis ist im Gespräch. Alle Buchhandlungen haben das Büchlein im Angebot, auch der hauseigene Buchladen im Hause des ZK der SED. Doch plötzlich verändert sich alles. In der 2. Septemberwoche 1969 bringen linientreue Mitarbeiter der Abteilung Maschinenbau und Metallurgie des ZK den Stein ins Rollen. Ihre Argumentation, in diesem Buch werde über „Ereignisse vom Aufbau des KW Thierbach ohne Wahrung des Vertraulichkeitsgrades ausführlich berichtet“ und Probleme der Zusammenarbeit der RGW-Länder teilweise nicht „wahrheitsgemäß“ geschildert. Des Weiteren schätzten die Genossen ein, dass die „Klassenwachsamkeit“ nicht eingehalten wurde und die Darstellung Staats- und Wirtschaftsfunktionäre verunglimpft. Die Information geht zunächst an den ZK-Sekretär für Wirtschaft Günter Mittag. Wenig später erhielt sie auch Erich Honecker, der damals nach Walter Ulbricht der zweitmächtigste Mann im Parteiapparat war. Dieser schaltete sich persönlich in die teilweise auch kontrovers geführte Diskussion ein. Am 21.11.1969 setzten sich schließlich die Hardliner durch und das Buch wurdeaus dem Handel genommen. Die noch vorhanden 1.600 Stück im Lagerbestand des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels wurden,  wie man damals sagte, „eingestampft“. Sogar das in der Deutschen Bücherei in Leipzig hinterlegte Belegexemplar durfte nicht mehr ausgeliehen werden. Hintergrund des Ganzen war: Honecker hatte bereits 1965 auf dem 11.ZK-Plenum (auch „Kahlschlagplenum“ genannt) mit seinem Generalangriff gegen die "schädlichen Tendenzen" in Film , Theater, Literatur und Fernsehen eine neue Eiszeit in der SED-Kulturpolitik eingeläutet. Jegliche Beschreibung von Missständen wurde als systemkritisch und politisch schädlich abgestempelt. Auch der 1968 mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagene „Prager Frühling“ steckte den Genossen noch tief in den Knochen.

Trotz alle dem: Helmut Richter gibt nicht auf

Für Helmut Richter folgt eine Zeit der großen Enttäuschung. Die Erlebnisse mit den Menschen auf der Thierbacher Großbaustelle lassen ihn aber nicht los und erarbeitet immer wieder an diesen Texten. So erscheinen weitere Fassungen der Geschichte, u. a. mit dem Titel „Brücken zwischen zwei fernen Ufern“. Immer wieder geriet Richter in die Kritik. Die Darstellung seiner Arbeiterfiguren und Ausführungen über die real gelebte Freundschaft der sozialistischen Bruderländer wurde als „problematisch“ eingeschätzt. Anfang der 1970iger Jahre verändern sich die politischen Kräfteverhältnisse in der DDR erneut. Erich Honecker wurde der erste Mann an der Spitze von Partei  und Staat. Anfänglich herrschte durchaus eine Art Aufbruchsstimmung. Doch bereits Mitte der siebziger Jahre änderte sich das politische Klima deutlich. Die ersten 10.000 DDR-Bürger stellten einen Antrag auf Ausreise aus der DDR. Der Liedermacher  Wolf Biermann wurde 1976 ausgebürgert und Manfred Krug siedelte 1977in die BRD über.

Fast 10 Jahre später: Adlershof will das Thema verfilmen

In der damaligen Volksrepublik Polen entwickelte sich dagegen eine Art von Weltoffenheit, die sich u. a. darin zeigte, dass auf grenznahen Märkten amerikanische Jeans und westliche Schallplatten sowie Symbole der US-GI aus dem Vietnamkrieg zum Verkauf angeboten wurden. All das wurde auf der Grundlage des visafreien Tourismus mit dem Nachbarland von vielen DDR-Bürgern gern genutzt. Im Vordergrund der Besuche stand nicht der offizielle Freundschaftsgedanke, sondern der Erwerb von in der DDR nicht angeboten oder verbotenen Waren. Aus propagandistischen Gründen erhielt deshalb das DDR-Fernsehen 1977 den Auftrag, möglichst schnell einen Film zum Thema internationale Freundschaft, insbesondere mit dem polnischen Volk zu machen. Dabei besann man sich wieder auf die noch vor kurzem verpönte Geschichte von Helmut Richter. Der Fernsehfunk kaufte die Rechte und beauftragte Richter, das Szenarium für den Film zu schreiben. Es entstand das Drehbuch für eine deutsch-polnische Liebesgeschichte mit den Hauptfiguren Gitta Rebus, einer Chemielaborantin, und dem polnischen Bauarbeiter Jerzy Roman. Die Handlung spielte in der Gegenwart undverknüpfte die Schicksale polnischer Zwangsarbeiter während des 2.Weltkrieges und deren Nachwirkungen auf die deutsch-polnische Freundschaft. Eine schwere Last, auch für die Liebe zwischen Gitta und Jerzy.

4.000 Westmark für die Filmmusik

Die Regie für den Film führte der erst 28jährige Hans Werner. Es war sein erster Film. Bisher hatte er „nur“ als Regieassistent des Erfolgsregisseurs Lothar Bellag gearbeitet. Der hatte aber „keinen großen Bock“ auf diesen Film und meldete sich wenige Tage vor Produktionsbeginn krank. Werner nutzte diese Chance und stand dabei unter enormen Zeitdruck. Einerseits war schon viel Geld in die Produktion investiert worden, zum anderen fehlte es noch an elementaren Dingen, auch an der Filmmusik. Bei fast allen damals populären DDR-Gruppen wurde angefragt. Doch keine hatte Lust oder Zeit dafür. Der „Ersatz-Regisseur“ schlug kurzerhand dafür  den damaligen Keyboarder und Komponisten der noch jungen Rockband Karat Ulrich „Ed“ Swillms vor. Der tat sich zunächst sehr schwer mit diesem Auftrag und soll ca. 14 Tage lang auf das Drehbuch gestarrt haben, bis ihm etwas Zündendes einfiel. Schließlich handelte er einen Preis von 4.000 Westmark aus. Eine Summe, die die Band dringend zum Begleichen ihrer gerade erworbenen neuen Instrumente und Technik benötigte. Die Idee, dem Film einen Titelsong zugeben, war erst während der Dreharbeiten entstanden. Die Textzeile „Über sieben Brücken musst du geh´n“ sollte den Film emotional aufwerten. Auch dieser Herausforderung stellte sich Helmut Richter, denn er hatte bis dahin noch nie einen Liedtext geschrieben (s. Hintergrundinformation 2). Die Erinnerungen an sein eigenes Schicksal (er kam als Flüchtlingskind aus der Tschechoslowakei 1945 nach Deutschland) gaben ihm das notwendige Einfühlungsvermögen in die Thematik. Gesungen vom damaligen Frontmann der Gruppe Karat, Herbert Dreilich, wurde der Titel unter widrigen technischen Bedingungen zwischen Weihnachten und Silvester 1977 in einem Studio mit angeschlossenem Übertragungswagen in Berlin-Grünau aufgenommen. Bei der Übergabe des Demobandes wenige Tage später im Interhotel Gera ahnte keiner der beteiligten Akteure, dass schon kurze Zeit später dieses Lied ein Hit werden sollte. Mehr scherzhaft hatte wohl Helmut Richter nach dem ersten Abhören der Karat-Produktion gesagt, das wird ein Welthit. Das Band von 1977, behaupten Insider, wechselte nach der Wende für 6.000 DM den Besitzer.

Bornaer Kulturhaus der Gewerkschaften war Drehort

Gedreht wurde der Film nicht in Espenhain oder auf dem Gelände des dortigen Braunkohlenveredlungswerkes. Einziger Drehort in der Region war das Bornaer Kulturhaus der Gewerkschaften DSF (Deutsch Sowjetische Freundschaft). Einige Südraumbewohner können sich heute noch an ihre Arbeit als Komparsen und fleißige Tänzer auf der Tanzfläche erinnern. Die Hauptdrehorte waren in Gotha und im Lausitzer Kohlerevier. Im Film trägt Espenhain den Namen Zaspenhain und aus der Gaststätte „Aspe“ wurde das Klubhaus „Zaspe“. Die Erstsendung des Filmes lief am 30. April 1978 im 1. Programm des Fernsehens der DDR. Unmittelbar nach seiner Ausstrahlung liefen in den Adlershofer Fernsehstudios  die Telefonleitungen heiß. Die Anrufer, darunter auch 28 aus Westberlin und der BRD, wollten wissen, wann und wo es die Schallplatte mit dem Titelsong zu kaufen gibt. Doch bis es soweit war, galt es wiederum einige „DDR-typische“ Hürden zu nehmen. Einige Entscheider waren der Meinung, Text und Musik sei zu sentimental und es gäbe Titel, die die Ziele des Sozialismus besser wiederspiegeln. Doch es gab auch prominente Befürworter, wie die damals schon einflussreiche und spätere Firstlady der DDR- Unterhaltungskunst Gisela Steineckert.  Als die Platte dann endlich gepresst war und in den Handel kommen sollte, fehlte es im Druckhaus Gotha an der roten Farbe für das Bedrucken der Plattenhülle. Das Rot war wegen des Druckes der vielen Propagandaplakate für den 1. Mai 1978 ausgegangen. Noch im gleichen Jahr siegte die Gruppe Karat mit dem Lied beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden. Ein internationaler Auftritt des Filmes bei einem Festival in Prag wurde dagegen von den DDR-Oberen kurzfristig abgesagt. Der Hauptgrund, war die Übersiedlung der Schauspielerin Babara Adolf, Darstellerin der Mutter von Gitta Rebus, im Jahre 1978 in die BRD. Bei der Vorabnahme des Filmes soll der anwesende Karl-Eduard von Schnitzler, nach dem er Babara Adolfs, Worte im Film vernommen hatte „...ich gehe hier nicht weg…“ dazwischen gerufen haben, „jetzt hat sie es sich wohl anders überlegt“. Die Erfolgsgeschichte des Titelsongs setze sich jedoch unentwegt fort. 1979 erschien von Karat das Album „Über sieben Brücken“, welches wenig später unter dem Namen „Albatros“ in der BRD herauskam. Insgesamt verkaufte sich die Karat-Produktion in den folgenden Jahren in Ost und West fast eine Millionen Mal. Auch Helmut Richter wurde für sein Werk geehrt und erhielt 1978 den Kulturpreis der Stadt Leipzig.

Viele Westdeutsche glauben bis heute der Titel stammt von Peter Maffay

Als Peter Maffay den Song zum erstmal im Rundfunkhörte, war er sofort davon begeistert und bemühte sich um Kontakt zu den Karat-Leuten. Im Jahr 1980 besuchte er schließlich die Gruppe bei einem Konzert im hessischen Wiesbaden. Er bat die Band um Erlaubnis, den Titel nachspielen zu dürfen. Karat willigte ein und Maffay arrangierte das Lied neu. Markant ist dafür u.a. das eingebaute Saxophon-Solo. Der Song erlangte in dieser Version einen noch größeren Bekanntheitsgrad. Maffay, der Ende der 70iger Jahre die Abkehr vom Schlagergesang hin zum Deutschrock vollzogen hatte, festigte mit dieser Entscheidung endgültig seinen Richtungswechsel und seine Hinwendung zum sozialem Engagement. Sein Album „Revanche „verkaufte sich mit dem Titel über zwei Millionen Mal. Da es Karat in den ersten Jahren der 1980er Jahre von Seiten des Kulturministeriums der DDR verboten war, im West-Fernsehen aufzutreten, wurde der Titel verstärkt mit dem Namen Peter Maffay verbunden. Viele „Westler“ glauben bis heute, der Titel stamme ursprünglich von Maffay. Erst ab 1990 wurde der Song auch von Maffay und Karat gemeinsam aufgeführt. Unvergessen das Duett von Herbert Dreilich und Peter Maffay auf dem 1990 erschienenen Karat-Album „…im nächsten Frieden „. Auch live präsentierten sie das Lied einige Male gemeinsam, so zum Beispiel am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2000 in Berlin und zum 25-jährigen Jubiläumskonzert von Karat im gleichen Jahr in der Berliner Wuhlheide. Nach dem Tod von Herbert Dreilich 2004 gab es mit dessen Sohn Claudius  2008 zur „Goldenen Henne“ einen viel umjubelten gemeinsamen Auftritt. Unvergessen auch die Veranstaltung „Die Macht der Musik“ in der Leipziger Peterskirche anlässlich des 25. Jahrestages der Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989. Gäste der Podiumsdiskussion waren neben Altkanzler Helmut Schmidt auch Helmut Richter, Peter Maffay sowie Kurt Masur. Masur war es dann auch, der „Über sieben Brücken musst du geh ‘n“ anstimmte.  Maffay und Schmidt sowie die Gäste der Podiumsdiskussion sangen mit. Das Lied erfüllte den ganzen Kirchenraum. Peter Maffay sagte nach diesem Erlebnis: „So wird ein Lied zum Gebet“.

Quellen: Über sieben Brücken – ein DDR-Hit geht um die Welt, Feature von Gerhard Pötzsch 2014; Wikipedia zu Helmut Richter, Karat, Herbert Dreilich, Peter Maffay; Erinnerungen von Helmut Richter, zuletzt erzählt am 03.12.2015 in der Espenhainer Gaststätte die „Aspe“, Jedes Buch ein Abenteuer, eine wissenschaftliche Bewertung des Zensur-Systems in der DDR von Simone Brack, Martina Langermann und Siegfried Loatisk; Ein besonderer Dank gilt dem Aspen-Wirt Peter Petters

 

 

 

 

 Hintergrundinformation    

 

 

Über sieben Brücken musst du gehn

Von Helmut Richter

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick,

manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.

Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh,

manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu.

 

Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß,

manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß.

Manchmal bin ich schon am Morgen müd,

und dann such ich Trost in einem Lied.

 

Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.

 

Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn,

manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn.

Manchmal ist man wie von Fernweh krank,

manchmal sitzt man still auf einer Bank.

 

Manchmal greift man nach der ganzen Welt,

manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt.

Manchmal nimmt man, wo lieber gibt,

manchmal hasst man das, was man doch liebt.

 

Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein